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Fruehsexualisierung in Kitas - Der Zwei-Straenge-Mythos

CONTENT/02-themen/fruehsexualisierung-kita-mythos.md · 2026-05-26

[LAST_CHECKED: 2026-05]

Fruehsexualisierung in Kitas - Der Zwei-Straenge-Mythos

"Berliner Kitas laden Fremde zum Kuscheln ein" - eine Chimäre aus zwei getrennten Geschichten, beide invertiert. Der Staat hat Original Play verboten. "Sexräume" stehen in keinem Dokument.


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Das Verdikt

Rechte Behauptung: "In Berliner Kitas werden Fremde eingeladen, mit Kindern zu kuscheln und Kinder werden zur Sexualität hingeführt!"

Aktenlage: Falsch. Der Mythos speist sich aus zwei getrennten Geschichten, die beide in ihr Gegenteil verkehrt wurden.

Strang Was wirklich passiert ist Was der Mythos behauptet
Original Play Staat hat es 2019/2020 VERBOTEN Staat lädt Fremde ein
Bildungsprogramm-Entwurf 2024 Zurückgezogen, Passage gestrichen, "Sexräume" nirgends im Dokument Amtlich geplante "Sexräume" für Kinder

Strang 1 - Original Play wurde verboten, nicht eingeladen

Was Original Play ist

Original Play ist ein Körperkontakt-Konzept (Kuscheln, Raufen), bei dem auch erwachsene und externe Freiwillige mit Kindern spielen. Das Konzept war tatsächlich in einigen Berliner Kitas im Einsatz, darunter einer evangelischen Kita in Berlin-Kreuzberg.

Was der Staat getan hat

Das ARD-Magazin Kontraste berichtete über Missbrauchs-Verdachtsfälle in dieser Kita. Daraufhin handelte die Politik:

Die Inversion

Die virale Version dieser Geschichte streicht das entscheidende Wort aus Schlagzeilen wie "Fremde Erwachsene kuscheln mit Kindern, ... wird verboten". Was übrig bleibt: "Fremde Erwachsene kuscheln mit Kindern." Was gestrichen wurde: "wird verboten."

Der Staat hat reagiert und das Konzept untersagt. Das Gegenteil einer Einladung.

Hinweis zur Primärquelle: Die exakte virale Telegram-Formulierung ("werden eingeladen") lässt sich auf kein offizielles Primärdokument zurückführen, weil diese Formulierung als amtliches Zitat nicht existiert. Sie ist eine Kondensation aus verzerrten Schlagzeilen.

Quellen:


Strang 2 - Der Entwurf vom Januar 2024

Was der Entwurf ist und wer ihn verfasst hat

Im Januar 2024 kursierte ein Entwurf zur Fortschreibung des Berliner Bildungsprogramms, datiert 22.01.2024. Verfasst von einer Fachgruppe aus: Berliner Kita-Institut BeKi/INA, Alice-Salomon-Hochschule, Institut für den Situationsansatz und PH Freiburg. Der Entwurf war nicht autorisiert und lag der Hausleitung nie vor.

Was im Entwurf tatsächlich steht

Der Entwurf enthielt diese Passagen:

Was die Junge Freiheit daraus gemacht hat

Rechte Behauptung: Junge Freiheit schrieb von "Sexräumen" und formulierte die Schutzregel um zu: "anale oder orale Penetrierung soll, wenn möglich, vermieden werden."

Aktenlage:

  1. Das Wort "Sexräume" steht nicht im Entwurf. Roland Kern (DaKS) stellte klar: "Erfahrungsräume" sei "erkennbar metaphorisch" gemeint gewesen.
  2. Die Wörter "Penetrierung" und "wenn möglich" standen nicht im Original. Die JF hat eine Schutzformulierung (die etwas verbietet) in eine Erlaubnis mit Ausnahme umgeschrieben.
  3. Mitautorin Prof. Anja Voss (Alice-Salomon-Hochschule) sagte, die JF "schafft es, innerhalb von ein paar Sätzen, den Kontext völlig zu verschieben"; die Passage sei "missverständlich und so für das Programm inakzeptabel."

Worum es inhaltlich wirklich geht

Der Entwurf behandelt das eigene Körperbewusstsein des Kindes sowie Doktorspiele unter Gleichaltrigen. Keine Erwachsenen, keine Fremden. Das Gegenteil des behaupteten Inhalts.

Was mit dem Entwurf passiert ist

Quellen:


Warum Körperaufklärung Missbrauchsprävention ist

Das ist der Punkt, der in der Empörungsdiskussion regelmäßig fehlt: Körperaufklärung und Schutz vor Missbrauch sind kein Gegensatz. Sie sind dasselbe Programm.

BZgA und UBSKM

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) behandelt Körper- und Sexualerziehung als Gesundheitsförderung. Kernmodul: "Ja-Sagen und Nein-Sagen, Grenzen erkennen und setzen."

Die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) formuliert es direkt: Kinder sollen "wissen und erleben, dass sie selbst über ihren Körper bestimmen können und andere sie nicht einfach ungefragt anfassen dürfen." In der englischen Fassung: "Childish ignorance about sexuality can easily be exploited by perpetrators."

Quelle: UBSKM: Präventive Erziehung

Doktorspiele: Was die Fachorganisationen sagen

Zartbitter e.V. (Ursula Enders, eine der führenden deutschen Fachstellen zu Kindesmissbrauch) definiert klare Regeln für Doktorspiele: nur unter Gleichaltrigen, Altersabstand maximal circa 2 Jahre, Stopp gilt sofort, nichts in Körperöffnungen. Und wörtlich: "Ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben bei Doktorspielen nichts zu suchen."

Das ist das genaue Gegenteil der behaupteten "Einladung an Erwachsene".

Quelle: Zartbitter: Sina und Tim spielen Doktor

Evidenz

Jörg Maywald (Kinderrechtler, AWO): "Kindgerechte Sexualerziehung und Schutz vor sexualisierter Gewalt gehören zusammen."

Das ReSi-Programm (TH Nürnberg, randomisiert-kontrolliert) zeigt messbare Wissens- und Kompetenzgewinne bei Kindern nach altersgerechter Körperaufklärung. Ehrlicher Caveat: Es gibt kein Langzeit-Follow-up auf tatsächliche Missbrauchsraten in der Allgemeinbevölkerung.


Ehrliche Caveats

Diese Punkte lassen sich verwenden, um den Konter angreifbar zu machen. Besser sie vorwegnehmen.

  1. Der Entwurf existierte und enthielt die zitierte Passage wörtlich. Das ist kein Phantomtext. Er war real.
  2. Er war handwerklich schlecht. Eigene Fachleute sagten das: "missverständlich und so für das Programm inakzeptabel."
  3. Original Play gab es wirklich in einigen Berliner Kitas, mit realen Missbrauchssorgen. Genau deshalb kam das Verbot.
  4. Staatssekretär Liecke, nicht Senatorin Günther-Wünsch hat das zitierte Statement gemacht. Die Zuschreibung muss stimmen.
  5. Eltern haben einen Informations- und Transparenzanspruch gegenüber Kita-Programmen. Dieser Anspruch ist legitim, unabhängig davon ob die Empörung auf falschen Prämissen basiert.
  6. Die 2025er-Überarbeitung des Berliner Bildungsprogramms wurde von ver.di und dem Kitaverband als zu wenig sexualpädagogisch kritisiert. Der politische Druck wirkt also in die entgegengesetzte Richtung der AfD-Erzählung.

Konter

"Berliner Kitas laden Fremde zum Kuscheln ein!"

Falsch. Der Staat hat Original Play verboten. Sandra Scheeres (SPD)
untersagte es 2019 als "unvereinbar mit dem Bundeskinderschutzgesetz".
Verboten. Nicht eingeladen.

Der Entwurf von 2024? Zurückgezogen. Nie autorisiert. Nie in Kraft.
"Sexräume" stand nicht drin, das hat die Junge Freiheit erfunden.
Was drin stand: eine Schutzregel, die Erwachsene explizit ausschliesst.
Zartbitter e.V., die grösste deutsche Fachstelle gegen Kindesmissbrauch:
"Ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben bei Doktorspielen
nichts zu suchen."

Körperaufklärung IST Missbrauchsprävention. Das UBSKM sagt es direkt:
Kinder, die ihren Körper kennen und Nein sagen können, lassen sich
schlechter missbrauchen.

Quelle: correctiv.org/faktencheck/hintergrund/2024/04/12/angebliche-fruehsexualisierung-was-hinter-der-aufregung-um-einen-entwurf-des-berliner-bildungsprogramms-steckt/